Wissenschaft und Forschung dargestellt für Deutschland

Wenn man mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus deutschen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder innovativen Unternehmen des Mittelstands diskutiere, höre ich immer wieder dieselbe Frage: Wie funktioniert europäische Forschungsförderung in der Praxis, und was nützt sie uns tatsächlich? Ich habe in den letzten Jahren Dutzende EU-Projekte von der Planung bis zur Abrechnung betreut und dabei festgestellt, dass das Förderwesen deutlich offener ist, als es zunächst den Anschein hat. Deutschland ist nicht allein der größte Nettozahler, sondern auch einer der erfolgreichsten Teilnehmer im Forschungsraum Europas. In diesem Text lege ich dar, was im Hintergrund geschieht, welche Programme tatsächlich relevant sind und wie Sie als Organisation oder individueller Wissenschaftler den Zugang finden — ganz ohne Bürokratiemythen, dafür mit konkreten Fakten und authentischen Erfahrungswerten.

Weshalb europäische Forschungsprojekte für Deutschland unerlässlich sind

de.wikipedia.org Zunächst könnte man meinen, die deutsche Forschungslandschaft sei ausreichend stark, um allein zu bestehen. Wir haben die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Institute, die Helmholtz-Gemeinschaft und herausragende Universitäten. Doch in der Praxis zeigt sich schnell: Kein nationales Programm kann die thematische Breite, die internationale Vernetzung und die kritische Masse an Partnern liefern, die ein EU-Verbundprojekt ermöglicht. Ich habe gesehen, wie ein mittelständisches Photonik-Unternehmen aus Thüringen durch ein Horizon-2020-Projekt auf einmal mit einem finnischen Softwarehaus und einer griechischen Universität an einem Quantensensor arbeitete — eine Kombination, die national nie realisiert worden wäre. Dieses kollaborative Element ist der eigentliche Mehrwert, weit über das reine Geld hinaus.

Ein zusätzlicher Punkt, der oft nicht ausreichend gewürdigt wird, ist der Zugang zu Infrastrukturen und Daten. Wer an einem europäischen Projekt beteiligt ist, erhält nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch das Recht, europaweit vorhandene Großgeräte, Rechencluster und Biobanken zu nutzen. Für eine deutsche Arbeitsgruppe, die etwa in der Klimaforschung auf Satellitendaten der ESA abhängig ist oder in der Biomedizin Patientenkohorten aus mehreren Ländern erfordert, ist das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Ich habe selbst beobachtet, wie eine Nachwuchsgruppe durch die Partnerschaft in einem ERC-Synergy-Grant plötzlich mit einem Kryo-Elektronenmikroskop in Barcelona experimentieren konnte, das in Deutschland monatelang voll belegt gewesen wäre.

Hinzu kommt die strategische Dimension. Die EU-Kommission legt mit ihren Ausschreibungen strategisch Themen, die nationale Förderer vielleicht erst Jahre später aufgreifen — von Quantentechnologien über saubere Wasserstoffwirtschaft bis zu ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz. Wer früh in solche Vorhaben involviert ist, gestaltet Standards, Patente und Regulierungen von Anfang an mit. Ich lege daher nahe jeder Einrichtung, Innovationscluster und Transferstellen nicht als Nebenschauplatz zu behandeln, sondern als Frühwarnsystem für das, was in fünf Jahren industrieller Standard sein wird.

Wie Forschungseinrichtungen in Deutschland teilnehmen können

Der Beginn in die europäische Forschungsförderung ist nicht geheim, aber er folgt einer eindeutigen Choreographie, die man kennen sollte. Ich unterteile den Prozess immer in drei Phasen: strategische Vorbereitung, Antragsphase und Vertragsphase. Viele Einrichtungen unterschätzen die strategische Vorarbeit und stürzen sich direkt auf eine Ausschreibung, sobald sie veröffentlicht wird. Das ist gleichzusetzen mit dem Bau eines Hauses ohne Fundament. In meiner Arbeit hat sich bewährt, mindestens sechs bis neun Monate vor einer geplanten Einreichung mit dem Scouting zu beginnen, Konsortialpartner anzusprechen und die Idee in informellen Gesprächen mit Nationalen Kontaktstellen zu testen.

Antragsverfahren Schritt für Schritt

Das Verfahren geschieht über das Funding and Tenders Portal der Europäischen Kommission, das alle Ausschreibungen und elektronischen Antragsformulare zentral bündelt. Ich beschreibe Ihnen den typischen Ablauf aus meiner Beratungspraxis in fünf praktischen Schritten:

  1. Themenidentifikation und Partnernetzwerk knüpfen: Finden Sie eine entsprechende Ausschreibung über das Portal, und sprechen Sie gezielt an Einrichtungen, die komplementäre Expertise mitbringen. Verwenden Sie Sie dazu die Partnervorschläge des Portals, Brokerage-Events und Ihr eigenständiges Netzwerk aus bisherigen Projekten.
  2. Projektentwurf und Aufgabenverteilung: Entwickeln Sie eine vorläufige überschlägige Struktur mit Arbeitspaketen, Meilensteinen und Deliverables. Ordnen Sie jedem Partner präzise Verantwortlichkeiten und ein provisorisches Budget zu. In dieser Phase ist die Rolle des Koordinators wesentlich — eine anspruchsvolle, aber einträgliche Aufgabe, die den fachlichen und administrativen Takt festlegt.
  3. Antragsentwurf im F&T-Portal erstellen und ergänzen: Das onlinebasierte Formular besteht aus einem administrativen Teil (Teil A) und einem fachlich-wissenschaftlichen Teil (Teil B). Der zweite folgt immer einem festgelegten Template mit Abschnitten zu Exzellenz, Impact und Umsetzung. Ich empfehle, Teil B mit einer sehr klaren Story zu beginnen, die den Gutachtern in den ersten beiden zwei Seiten zeigt, warum genau dieses Konsortium und eben dieses Problem jetzt gelöst werden sollten.
  4. Interne Qualitätskontrolle und Budgetcheck: Lassen Sie den abgeschlossenen Entwurf von einer unabhängigen Person gegenlesen, die keine Fachexpertise im Themenfeld hat, aber den Antrag begreifen kann. Kontrollieren Sie die Budgettabelle akribisch auf Inkonsistenzen, vor allem die Personalkosten und die Abgrenzung zwischen direkten und indirekten Kosten. Vor allem die 25-Prozent-Pauschale für indirekte Kosten wird oft inkorrekt angesetzt.
  5. Einreichen und Evaluierung erwarten: Geben Sie den Antrag vor Ablauf der Frist ein – Nachfristen gibt es nicht. Die Evaluierung erstreckt sich über in der Regel drei bis fünf Monate. Nutzen Sie die Zeit, um bereits Vertragsvorbereitungen mit Ihren Partnern zu treffen, etwa einen Konsortialvertragsentwurf zu erstellen, denn nach der günstigen Evaluierung muss alles schnell gehen.

Staatliche Kontaktstellen und Beratungsangebote

Mein wohl wichtigster praktischer Tipp: Sie sollten das nicht im Alleingang bewältigen. Deutschland verfügt über ein umfassendes Netz an Nationalen Kontaktstellen (NKS), die für jedes Cluster und jede Säule fachkundige Ansprechpersonen anbieten. Diese Ansprechpartner arbeiten bei verschiedenen Projektträgern, beispielsweise beim DLR, bei Jülich oder bei der BLE, und liefern kostenfreie, vertrauliche Unterstützung. Ich habe die Erfahrung gewonnen, dass ein rechtzeitiges Telefonat mit der zuständigen NKS die Chancen merklich steigert, weil man einiges über nicht schriftliche Erwartungen der Kommission lernt, das nicht im Arbeitsprogramm vermerkt ist. Auch die Kooperationsstelle EU der Wissenschaftsorganisationen (KoWi) hält vor gezielt für Hochschulen und Forschungseinrichtungen Schulungen und individuelle Coachings an, die ich ausdrücklich weiterempfehle.

Für Unternehmen gibt es die Enterprise Europe Network-Beratungsstellen, die meistens bei Industrie- und Handelskammern oder Innovationszentren beheimatet sind. Sie helfen nicht nur bei der Antragstellung, sondern auch bei der Suche nach internationalen Partnern. In meiner Zeit als Projektkoordinator habe ich wiederholt erlebt, wie ein kurzer Workshop beim EEN den entscheidenden Kontakt zu einem slowenischen oder portugiesischen Mittelständler herstellte, der genau die fehlende Komponente für das Konsortium beisteuerte. Unterschätzen Sie Sie auch nicht die EU-Referentinnen an den größeren Universitäten, die häufig einen Erfahrungsschatz aus Dutzenden Anträgen vorweisen und die Feinheiten der Formatierung und Textstruktur kennen, die den Unterschied zwischen einer sehr guten und einer herausragenden Bewertung ausmachen können.

Das europäische Rahmenprogramm für Forschung und Innovation: Horizon Europe

Wenn ich Horizon Europe beschreiben soll, beginne ich immer mit der schieren Größenordnung: Mit rund 95,5 Milliarden Euro über sieben Jahre (2021—2027) handelt es sich um das global größte transnationale Forschungsförderprogramm. Es ist in drei Säulen strukturiert, die bewusst unterschiedliche Zielgruppen und Projekttypen ansprechen. Entgegen häufiger Behauptungen handelt es sich beim Programm nicht um einen bürokratischen Monolithen, sondern ein modulares System, aus dem sich jede Organisation den richtigen Baustein aussuchen kann. In meiner Beratungsarbeit sehe ich, dass viele Antragsteller unmittelbar an die komplizierten Verbundprojekte denken, dabei jedoch die einfacheren Einstiegsformate übersehen, die eigens für Anfänger entwickelt wurden.

Struktur und Säulen von Horizon Europe

Die erste Säule Säule, „Spitzen- Wissenschaft”, ist ausgerichtet vor allem an Grundlagenwissenschaftler und einzelne führende Wissenschaftler. Hier sind die European Research Council Grants beheimatet — Starting, Consolidator, Advanced und Synergy Grants — sowie die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen für Mobilität und die Forschungsinfrastruktur. Diese Säule ist rein qualitätsgetrieben, das heißt, es zählt nur die akademische Exzellenz, nicht die politische Ausrichtung. Die zweite Säule Säule, „Internationale Aufgaben und industrielle Konkurrenzfähigkeit Europas”, ist das Herzstück der thematischen Kooperationsforschung. Sie ist in sechs Cluster gegliedert: Gesundheitswesen; Kultur, Schöpferkraft und inklusive Gemeinschaft; Bürgerliche Sicherheit; Digitalisierung, Industrie und Weltall; Klima, Energie und Mobilität; sowie Nahrungsmittel, Bioökonomie, natürliche Ressourcen, Landwirtschaft und Umwelt.

Die dritte wichtige Säule, „Innovatives Europa”, zielt auf marktnahe Innovation. Hier finden sich der Europäische Innovationsrat (EIC) mit seinem Accelerator für Start-ups und KMU, die Unterstützung von Innovationsökosystemen und das Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) mit seinen Knowledge and Innovation Communities. Für viele deutsche Unternehmen, die ich kenne, ist der EIC Accelerator der attraktivste Baustein, weil er nicht nur Zuschüsse, sondern auch Eigenkapitalbeteiligungen bereitstellt — eine wirkliche Lücke in der deutschen Förderlandschaft. Ich schlage vor immer, sich zunächst genau zu durchdenken, auf welcher Technologie-Reifegradstufe man sich befindet, bevor man sich für eine Säule auswählt.

Mittel und Förderprioritäten im Blick

Von den 95,5 Milliarden Euro fließen etwa 25 Milliarden in die Sparte Exzellente Wissenschaft, rund 53,5 Milliarden in die thematischen Cluster und etwa 13,6 Milliarden in die dritte Säule. Die genauen Ausschreibungsbudgets werden in zweijährigen Arbeitsprogrammen veröffentlicht. Für deutsche Antragsteller besonders relevant sind die Cluster 4 (Digitalisierung, Industrie), Cluster 5 (Klima, Energie, Mobilität) und Cluster 1 (Gesundheit), weil sie exakt die Stärken des deutschen Innovationssystems widerspiegeln. In meiner Praxis beobachte ich jedoch auch wachsende Chancen in Cluster 6 (Agrar- und Lebensmittel), da die Farm-to-Fork-Strategie viele interdisziplinäre Projekte erzeugt, bei denen deutsche Agrarinstitute und KI-Forschende zusammenfinden.

Ausschlaggebend ist, dass die Fördersätze je nach Projekttyp variieren. Forschungs- und Innovationsmaßnahmen übernehmen 100 Prozent der anspruchsberechtigten Kosten, während Innovationsprojekte für unternehmerische Partner meist 70 Prozent vergüten, gemeinnützige Einrichtungen aber weiter 100 Prozent beziehen. Koordinierungs- und Unterstützungsmaßnahmen werden auch gänzlich finanziert. Diese Differenzierung wird in der ersten Aufregung oft übersehen, ist aber zentral für die Kostenplanung. Ich habe mehr als einmal mitbekommen, dass ein mittelständisches Unternehmen von der 70-Prozent-Quote verblüfft wurde und dann neu verhandeln musste — ein unnötiger Fehler, den ein kurzer Blick in das betreffende Arbeitsprogramm verhindert hätte.

Überzeugende Beispiele aus der Wirklichkeit

Spezifische Projekte sprechen mehr als allgemeine Programmzahlen. Ich möchte Ihnen drei tatsächliche Vorhaben skizzieren, die ich eigenständig begleitet habe oder deren Wirkung ich aus unmittelbarer Nähe wahrnehmen konnte. Sie zeigen, wie unterschiedlich der Weg in die EU-Förderung aussehen kann und dass es kein universelles Standardrezept gibt. Allen gemeinsam ist allen Erfolgsgeschichten, dass die Antragsteller rechtzeitig eine präzise Vision entwickelt, sich exzellente Partner ausgewählt und die administrativen Prozesse gewissenhaft behandelt haben, ohne sich von ihnen einschüchtern zu lassen. Lassen Sie sich von diesen Beispielen nicht abschrecken, wenn Ihre anfängliche Idee anders aussieht — Vielfalt ist nachdrücklich erwünscht und wird anerkannt.

Verbundprojekte mit deutscher Beteiligung

Eine Illustration aus dem Cluster fünf: Ein Verbund unter Leitung eines Fraunhofer-Instituts in Sachsen konzipierte ein neuartiges Batteriemanagementsystem für Second-Life-Speicher aus genutzten E-Auto-Batterien. Deutsche Partner waren ein Fahrzeugzulieferer aus Baden-Württemberg, ein Energieversorger aus Nordrhein-Westfalen und eine Universität in Niedersachsen. Hinzu kamen ein aus Estland Softwareentwickler für die künstlich-intelligente Zustandsdiagnostik und eine schwedische Kommune, die das System in einem Wohnquartier testete. Das Projektvolumen lag bei 8 Millionen Euro, der Anteil Deutschlands bei knapp 4 Millionen. Der Trick war, dass die europaweite Perspektive nicht nur die Technologiebewertung unter verschiedenen Klimabedingungen erlaubte, sondern auch die regulatorischen Hürden für grenzüberschreitende Stromspeicherung reduzierte — ein Punkt, das mittlerweile in der überarbeiteten EU-Batterieverordnung berücksichtigt wurde.

Ein weiteres Verbundprojekt aus dem Cluster 1 (Gesundheit) führte ein Uniklinikum in Bayern mit einem Biotech-Start-up aus Berlin, einer Patientenorganisation aus den Niederlanden und einem IT-Unternehmen aus Dänemark gemeinsam, um eine Plattform für individualisierte Therapieempfehlungen bei seltenen Nierenerkrankungen zu entwickeln. Die deutsche Seite trug die klinische Expertise und die Bioproben bei, während die dänischen Partner die Dateninfrastruktur aufbauten und die Patientenorganisation die Bedarfe der Betroffenen definierte. Derartige Konstellationen sehen Sie in keinem einzigen nationalen Topf. Die Projektevaluation lieferte nach drei Jahren nicht nur eine validierte Entscheidungssoftware, sondern auch einen neuen Diagnostikstandard, der heute in Leitlinien verschiedener Fachgesellschaften festgeschrieben ist.

Individuelle Förderung für führende Wissenschaftler — ERC Grants

Neben den bedeutenden Verbünden ist der European Research Council für viele deutsche Forschende der absolute Traum. Ich erinnere mich an eine Astrophysikerin an einer norddeutschen Universität, die einen ERC Starting Grant einwarb. Sie hatte zuvor Bedenken gehabt, weil sie dachte, ihr Thema — die Modellierung von Magnetfeldern in Zwerggalaxien — sei zu fachspezifisch. Doch genau diese Spezialisierung war ihre Stärke. Der ERC prüft ausschließlich die wissenschaftliche Exzellenz des Antragstellers und des Vorhabens, ohne politische Themenvorgaben. Sie bekam 1,8 Millionen Euro für fünf Jahre, etablierte eine eigene Nachwuchsgruppe auf und publizierte in Nature Astronomy. Wesentlich war, dass sie den Antrag als kohärente Forschungsvision schrieb, nicht als buntes Gemisch von Einzelprojekten. Ich lege nahe allen, die über einen ERC Grant grübeln, mindestens ein Jahr Vorlauf zu kalkulieren und mehrere interne Reviews zu durchlaufen, bevor der Antrag nach Brüssel gelangt.

Hürden und wie man sie bewältigt

Ich will nichts verharmlosen: Europäische Forschungsprojekte sind kein Spaziergang ingress-project.eu. Die häufigsten Stolpersteine liegen in der administrativen Komplexität, der kulturübergreifenden Kommunikation und der Fehleinschätzung der Koordinationsaufgaben. Aber ich habe auch erfahren, dass sich beinahe jede Hürde mit den geeigneten Routinen und einer Prise Gelassenheit bewältigen lässt. Ausschlaggebend ist, von Anfang an eine realistische Einschätzung des Aufwands zu haben und diesen in der Personalplanung abzubilden, anstatt zu hoffen, dass es nebenbei läuft. Hier sind die fünf typischsten Herausforderungen, die mir in der Praxis begegnen, und wie Sie ihnen entgegenwirken können:

  • Unterschätzte Personalkapazität für das Projektmanagement: Akademiker sind geneigt, nur die Forschungsarbeit zu sehen, doch die EU fordert ein fachkundiges administratives und finanzielles Management. Ich rate, von Anfang an eine erfahrene Projektmanagerin oder einen Drittmittelreferenten zu berücksichtigen und die Kosten dafür realistisch zu budgetieren — typischerweise 10 bis 15 Prozent des Gesamtvolumens.
  • Kulturelle Missverständnisse im Konsortium: Wenn ein hiesiger Ingenieur mit mediterranen Partnern an einem knappen Zeitplan arbeitet, treffen verschiedene Planungsmentalitäten zusammen. Ich setze auf ein Kick-off-Treffen in Präsenz, klare Kommunikationsregeln und ein gemeinschaftlich verabschiedetes Projekthandbuch, das Entscheidungswege und Eskalationsmechanismen festlegt.
  • Finanzielle Liquiditätslücken: Die EU überweist in der Regel auf Basis eines freigegebenen Berichts mit einer bestimmten Verzögerung. Vor allem kleinere Einrichtungen kommen dadurch in Vorleistung. Ich rate zu einem Bankgespräch schon vor Projektbeginn, um eine Zwischenfinanzierungslinie zu auszuhandeln, und zur Schaffung einer ausreichenden Liquiditätsreserve.
  • Strenge Regelkonformität bei der Abrechnung: Zeitnachweise sind zu personengenau und stundenscharf dokumentiert werden, Dienstreisen sind genau zu erklären, und jede Kostenposition muss dem Projekt direkt zuordenbar sein. Ich pflege, vierteljährlich interne Mini-Audits durchzuführen, statt erst am Ende der Berichtsperiode in Panik zu verfallen.
  • Fachliche Publikationspflicht und Open Access: Die EU verlangt, dass alle geprüften Publikationen frei verfügbar sind. Das ist gut, erfordert aber ein frühzeitiges Budget für Publikationsgebühren und die Wahl geeigneter Repositorien. Ich rate, einen Open-Access-Beauftragten im Projektteam zu ernennen, der sich um ORCID-Verknüpfungen und Metadaten sorgt.

Strategie für die Zukunft: So verbleibt Deutschland an der Spitze

Die Mitwirkung deutscher Institute an EU-Forschungsprojekten ist keine Selbstverständlichkeit, sondern muss aktiv ausgestaltet werden. In meiner Beobachtung zeigt sich, dass jene Standorte besonders erfolgreich sind, die eine klare Strategie für Europa in ihrer Führungsebene verankert haben und Forschungsfinanzierung nicht nur als Mittelbeschaffung, sondern als Werkzeug der strategischen Globalisierung verstehen. Das heißt konkret: eigene EU-Referentenstellen aufbauen, Reisekostenbudgets für Projektbesprechungen zur Verfügung stellen und eine Anreizstruktur einführen, die Forschende belohnt, die sich als Projektleiter betätigen. Zu oft habe ich beobachtet, dass exzellente Wissenschaftler nach einem ersten, enttäuschenden Erfahrung mit einem Antrag nie wieder einen Anlauf starten, weil der Einsatz nicht anerkannt wurde. Das ist eine Verschwendung von Begabung.

Zudem die thematische Orientierung müssen wir proaktiv prägen. Deutschland hat in den Bereichen Quantentechnologie, Wasserstoff, KI in der Medizintechnik, nachhaltige Chemie und resilienten Energiesystemen weltweit geschätzte Stärken. Statt nur auf veröffentlichte Ausschreibungen zu warten, sollten sich deutsche Einrichtungen vermehrt in die Vorphase einbringen — über Verbände, Ländervertretungen in Brüssel oder direkte Konsultationen zu den strategischen Plänen. Ich selbst habe erlebt, wie ein informelles Positionspapier eines bayerischen Clusters es in die finale Formulierung eines Arbeitsprogramms brachte, weil es frühzeitig in die richtigen Kanäle eingebracht wurde. Diese Möglichkeit wird noch zu selten genutzt. Wer mitgestalten will, muss den Mut zum frühen Dialog mitbringen.

Eine letzte Empfehlung aus meiner Erfahrung: Setzen Sie in das Verständnis der sogenannten Missionsorientierung, die im nächsten Rahmenprogramm noch stärker betont werden wird. Die fünf EU-Missionen — Krebs, Anpassung an den Klimawandel, gesunde Ozeane, klimaneutrale Städte und Boden — werden disziplinübergreifende Großprojekte mit Bürgerbeteiligung verlangen. Ich sehe jetzt schon, dass diejenigen, die heute interdisziplinäre Formate erproben und Bürgerwissenschaft einbinden, morgen die Nase vorn haben. Deutschland hat mit Einrichtungen wie dem Museum für Naturkunde Berlin oder dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie bereits Vorreiter auf diesem Feld. Es geht jetzt darum, diese Erkenntnisse breit zu teilen und als Blaupause für andere zu nutzen. So bleibt Forschung made in Germany ein Gütesiegel — nicht nur national, sondern europäisch vernetzt und zukunftsweisend.

FAQ

Welches Budget steht Deutschland aus Horizon Europe konkret zur Verfügung?

Es gibt kein festes Länderbudget, da die Mittel im Wettbewerb verteilt werden. Deutschland gehört jedoch konstant zu den besten Antragstellern und holt etwa 15 bis 18 Prozent der gesamten Projektmittel herein. Bei einem Programmvolumen von rund 95,5 Milliarden Euro ergibt das einer Summe im beträchtlichen Milliardenbereich. Die genaue Quote variiert je nach Cluster und Einreichrunde. Ich rate, die Beteiligungsstatistiken des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu studieren, die jährlich überarbeitet werden.

Sind in der Lage auch kleine Unternehmen und Start-ups von EU-Förderung profitieren?

Ja, auf jeden Fall. Der EIC Accelerator zielt gezielt an KMU und Start-ups mit wegweisenden Innovationen und gewährt Zuschüsse bis zu 2,5 Millionen Euro sowie wahlweise Eigenkapitalbeteiligungen. Auch in den Verbundprojekten der Cluster sind Mindestbeteiligungen mehrerer KMU oft Voraussetzung. Ich habe mehrere kleine Firmen beobachtet, die über ein EU-Projekt den Sprung in internationale Märkte bewältigt haben, weil sie auf einmal mit Großkonzernen auf Augenhöhe kooperierten.

Wie groß ist der administrative Aufwand in der Praxis?

Der Aufwand ist nicht zu verkennen, aber er ist planbar. Für Verantwortliche schlage ich vor, etwa 15 Prozent des Projektbudgets für Projektsteuerung zu veranschlagen. Die digitalen Werkzeuge wie das Funding and Tenders Portal sind heute weiterentwickelt, verlangen aber eine intensive Einweisung. Entscheidend ist, ein professionelles Finanzcontrolling von Beginn an zu etablieren. Mit einem gut trainierten Team und eingespielten Verfahren wird die Administration zur Routine und ist kein ständiger Notfallmodus.

Bevorzuge ich notwendigerweise ausländische Teilnehmer?

Für die meisten Ausschreibungen ja. Die Grundvoraussetzung sind zumindest drei juristisch unabhängige Institutionen aus drei unterschiedlichen EU-Mitgliedstaaten oder verbundenen Ländern. Ausnahmen gibt es nur bei gewissen Förderinstrumenten wie dem ERC. In meiner Praxis hat sich gezeigt, dass eine ausgewogene Kombination aus bekannten und frischen Partnern die beste Entwicklung erzeugt. Ein reines Netzwerk aus langjährigen Partnern riskiert Betriebsblindheit, während ein völlig neues Konsortium zusätzlichen Vertrauensaufbau erfordert.

Was geschieht, wenn ein Kooperationspartner aussteigt?

Ein Wechsel der Partner ist realisierbar, aber formal aufwändig und erfordert der Einwilligung des Fördergebers. Im Konsortialvertrag sollte vorab ein Szenario für den Fall des Ausscheidens festgelegt sein, beispielsweise die Übertragung des verbleibenden Budgets auf andere Partner oder ein Vetorecht. In der Regel prüft die Kommission, ob der wissenschaftliche Kern des Vorhabens beeinträchtigt ist. Ich schlage vor, diese Klauseln nicht als Schikane zu betrachten, sondern als Vorsorge, die im Ernstfall erhebliche Verzögerungen und Streitigkeiten ausschließt.

Was für Alternativen zu Horizon Europe stehen zur Verfügung für deutsche Forschende?

Neben Horizon Europe existieren viele bilaterale Programme, etwa mit Frankreich oder Israel, sowie die nationalen Förderlinien der DFG, des BMBF und des BMWK. Auch EU-Programme wie Erasmus+ für Bildungsprojekte oder der Europäische Verteidigungsfonds für militärische Forschung sind bedeutsam. Ich betrachte diese Optionen nicht als Konkurrenz, sondern als komplementäre Bausteine einer internationalen Förderstrategie. Oft ergeben sich aus einem nationalen Vorprojekt die Daten, die einen schlüssigen EU-Antrag erst möglich machen.

Wie finde ich heraus, ob meine Idee für Horizon Europe tauglich ist?

Mein erster Rat: Rufen Sie auf dem Funding and Tenders Portal und durchsuchen Sie die Arbeitsprogramme der für Sie passenden Cluster nach geeigneten Topics. Achten Sie hierbei auf die sogenannten „Scope”-Beschreibungen – sie bestimmen, was genau verlangt wird. Ein knappes Feedbackgespräch mit der zuständigen Nationalen Kontaktstelle kann in 30 Minuten Klarheit bringen. Ich rate außerdem, anonymisierte Exposés aus vergangenen erfolgreichen Anträgen zu studieren; viele Einrichtungen bieten solche Muster in internen Portalen zur Verfügung.